E-Commerce-Softwarelösungen: Skalierbare Plattformen entwickeln
Die Ära, in der ein Onlineshop als statischer Distributionskanal hinreichend war, ist unwiderruflich abgeschlossen. Unternehmen agieren gegenwärtig in einem Marktumfeld, das durch volatile Nachfrageschwankungen, internationale Skalierung und kontinuierlich steigende Kundenerwartungen charakterisiert ist. Mobile Commerce, KI-basierte Personalisierung sowie Omnichannel-Strategien erhöhen die Komplexität der zugrunde liegenden Softwarearchitektur in einem bislang nicht dagewesenen Ausmaß.
Die zentrale These des vorliegenden Beitrags lautet: Unternehmen, die ihre E-Commerce-Plattform nicht als skalierbares, modulares System konzipieren, akkumulieren technische Schulden, die sich sukzessive zu strategischen Wettbewerbsnachteilen manifestieren. Der entscheidende Faktor liegt in einer fundierten Architekturentscheidung – und diese fällt in zunehmendem Maße zugunsten sogenannter Composable-Commerce-Ansätze aus.
Der Paradigmenwechsel: Von monolithisch zu modular
Zalando, Europas führende Online-Modeplattform, sah sich exakt mit dieser Problematik konfrontiert. Das 2008 gegründete Unternehmen verzeichnete ein derart rapides Wachstum, dass die ursprüngliche monolithische Architektur den operativen Anforderungen nicht länger genügte. Im Jahr 2015 initiierte Zalando eine grundlegende Transformation: Die Plattform wurde in eine Microservices-Architektur dekonstruiert, wobei über 200 autonome Engineering-Teams die Verantwortung für dedizierte Services sowie eigenständige AWS-Konten übernahmen.
Die MACH-Architektur als nachhaltige Lösung
Die Ergebnisse der vierten jährlichen MACH Alliance Global Research (2024) substantiieren diesen Trend: IT-Entscheidungsträger weltweit berichten von einer wachsenden Akzeptanz auf Führungsebene für MACH-Strategien sowie von einem messbaren Return on Investment.
Drei Architekturprinzipien für skalierbare E-Commerce-Plattformen
Microservices: Kleine Einheiten, große Wirkung
Als praxisrelevantes Fallbeispiel ist OTTO anzuführen: Der Hamburger E-Commerce-Konzern vollzog ab 2018 den strukturellen Wandel vom reinen E-Commerce-Anbieter zur offenen Plattform. OTTO reorganisierte seine Technologieorganisation in autonome Feature-Teams (F-Teams) sowie zentrale Platform-Teams (P-Teams). Die Microservices der F-Teams operierten zunächst auf einer selbst betriebenen MESOS-Plattform, bevor das Unternehmen eine Migration auf AWS realisierte – mit dedizierten Konten pro Team, um ein Höchstmaß an organisatorischer Autonomie zu gewährleisten.
Zur Verarbeitung und Distribution von Produktdaten neuer Vertriebspartner implementierte OTTO Apache Kafka und Confluent für Echtzeit-Datenstreaming. Das Resultat: Anstelle individueller Implementierungen für jeden einzelnen Partner etablierte das Unternehmen ein standardisiertes Protokoll, das die Skalierungsgeschwindigkeit erheblich beschleunigte.
API-first: Integration als strategischer Vorteil
• Die nahtlose Integration von Drittsystemen (ERP, CRM, PIM, Zahlungsanbieter)
• Omnichannel-Fähigkeit über Web, App, Social Commerce und den stationären Handel hinweg
• Eine beschleunigte Partneranbindung, da externe Entwickler auf Basis dokumentierter APIs operieren können
Für wachstumsorientierte Unternehmen kommt diesem Ansatz eine strategische Bedeutung zu: Eine adäquat konzipierte Plattform vereinfacht nicht allein den Markteintritt, sondern konstituiert zugleich das architektonische Fundament für nachhaltiges Unternehmenswachstum.
Headless Commerce: Frontend und Backend entkoppeln
Als illustratives Praxisbeispiel ist Pet Valu anzuführen: Das kanadische Einzelhandelsunternehmen für Haustierbedarf migrierte von einer monolithischen Plattform zu einem Composable-Commerce-Modell. Im Zuge dieser Transformation gelang es Pet Valu, einen neuen Steuer-Service innerhalb von lediglich zwei Sprints – entsprechend einem Zeitraum von vier Wochen – neu aufzusetzen und zu deployen. Die Time-to-Market wurde in der Konsequenz um 40 Prozent reduziert.
Der Business Case: Warum sich modulare Architektur rechnet
Deployment-Geschwindigkeit
Monolithische Architektur: Wochen bis Monate
Composable/MACH-Architektur: Tage bis Stunden
Skalierung bei Lastspitzen
Monolithische Architektur: Gesamtsystem muss skaliert werden
Composable/MACH-Architektur: Einzelne Services skalieren unabhängig
Vendor Lock-in
Monolithische Architektur: Hoch – ein Anbieter bestimmt das Ökosystem
Composable/MACH-Architektur: Gering – Best-of-Breed-Ansatz
Innovationszyklen
Monolithische Architektur: Langsam, risikoreich
Composable/MACH-Architektur: Schnell, inkrementell
Total Cost of Ownership (langfristig)
Monolithische Architektur: Steigend durch technische Schulden
Composable/MACH-Architektur: Kontrollierbar durch Modularität
Pet Valu eliminierte durch den Wechsel zu Composable Commerce den Vendor Lock-in, senkte die Total Cost of Ownership und schuf eine zentralisierte Datenarchitektur für künftige Personalisierungsmaßnahmen.
Vier Erfolgsfaktoren für die Umsetzung
Die Architekturentscheidung als Angelegenheit der Unternehmensführung zu verankern
Autonome Teams aufbauen
Inkrementelle Migration als Alternative zur Totalablösung
Die Datenarchitektur als integralen Bestandteil der Systemkonzeption berücksichtigen
Was Entscheider jetzt tun sollten: Fünf Handlungsempfehlungen
Analysieren Sie systematisch, an welchen Stellen Ihre bestehende Plattform an Skalierungsgrenzen stößt. Identifizieren Sie die signifikantesten technischen Schulden und etablieren Sie eine priorisierte Abbaustrategie.
Bewertung der MACH-Readiness
Evaluieren Sie, welche Komponenten Ihres Systems bereits API-Fähigkeit aufweisen und wo monolithische Abhängigkeiten persistieren. Entwickeln Sie auf dieser Basis eine Roadmap für die schrittweise Migration.
Anpassung der Teamstrukturen
Skalierbare Plattformen setzen autonome, cross-funktionale Teams voraus. Überprüfen Sie kritisch, ob Ihre Organisationsstruktur die angestrebte technische Architektur unterstützt – oder ob sie deren Realisierung strukturell behindert.
Strategische Entscheidung zwischen Eigenentwicklung und Fremdbezug
Nicht jede Systemkomponente erfordert eine proprietäre Entwicklung. Setzen Sie Best-of-Breed-Lösungen dort ein, wo diese einen komparativen Vorteil bieten, und konzentrieren Sie Investitionen in Eigenentwicklung ausschließlich auf genuine Differenzierungsmerkmale.
Definition plattformspezifischer KPIs
Beschränken Sie die Performancemessung nicht auf Umsatz- und Conversion-Kennzahlen, sondern beziehen Sie ebenso die Deployment-Frequenz, die Time-to-Market neuer Funktionalitäten sowie die Systemverfügbarkeit unter Lastspitzen in die Bewertung ein.
Quellen zum Artikel
https://machalliance.org/insights-hub/mach-global-research-2024
https://machalliance.org/insights-hub/mach-is-making-an-impact
https://cdn.hl.com/pdf/2024/composable-commerce-mach-architecture-q1--2024.pdf
https://kubernetes.io/case-studies/zalando/
https://www.confluent.io/customers/otto/
https://commercetools.com/customer-stories/pet-valu
https://commercetools.com/blog/spotlight-on-business-value-part-2-boosting-your-roi-with-composable-commerce

