E-Commerce-Softwarelösungen: Skalierbare Plattformen entwickeln

Die Ära, in der ein Onlineshop als statischer Distributionskanal hinreichend war, ist unwiderruflich abgeschlossen. Unternehmen agieren gegenwärtig in einem Marktumfeld, das durch volatile Nachfrageschwankungen, internationale Skalierung und kontinuierlich steigende Kundenerwartungen charakterisiert ist. Mobile Commerce, KI-basierte Personalisierung sowie Omnichannel-Strategien erhöhen die Komplexität der zugrunde liegenden Softwarearchitektur in einem bislang nicht dagewesenen Ausmaß.

Die zentrale These des vorliegenden Beitrags lautet: Unternehmen, die ihre E-Commerce-Plattform nicht als skalierbares, modulares System konzipieren, akkumulieren technische Schulden, die sich sukzessive zu strategischen Wettbewerbsnachteilen manifestieren. Der entscheidende Faktor liegt in einer fundierten Architekturentscheidung – und diese fällt in zunehmendem Maße zugunsten sogenannter Composable-Commerce-Ansätze aus.

Der Paradigmenwechsel: Von monolithisch zu modular

Konventionelle E-Commerce-Plattformen wurden als monolithische Systeme konzipiert: Frontend, Backend, Datenbank und Geschäftslogik konstituieren eine eng gekoppelte Einheit. Was bei geringer Komplexität effizient operiert, erweist sich als systemischer Engpass, sobald das Geschäftsvolumen expandiert. Jede Modifikation – sei es die Integration einer neuen Zahlungsmethode, die Anbindung eines zusätzlichen Marktplatzkanals oder die Optimierung der Produktsuche – erfordert Interventionen in das Gesamtsystem. Deployments werden risikobehaftet, Innovationszyklen verlangsamen sich signifikant.

Zalando, Europas führende Online-Modeplattform, sah sich exakt mit dieser Problematik konfrontiert. Das 2008 gegründete Unternehmen verzeichnete ein derart rapides Wachstum, dass die ursprüngliche monolithische Architektur den operativen Anforderungen nicht länger genügte. Im Jahr 2015 initiierte Zalando eine grundlegende Transformation: Die Plattform wurde in eine Microservices-Architektur dekonstruiert, wobei über 200 autonome Engineering-Teams die Verantwortung für dedizierte Services sowie eigenständige AWS-Konten übernahmen.

Die MACH-Architektur als nachhaltige Lösung

Das Akronym MACH steht für Microservices-based, API-first, Cloud-native SaaS und Headless. Dieses Architekturprinzip befähigt Unternehmen dazu, einzelne Systemkomponenten unabhängig voneinander zu entwickeln, zu skalieren und auszutauschen – ohne die Integrität des Gesamtsystems zu kompromittieren.Einer Gartner-Prognose zufolge hatten bereits im Jahr 2024 rund 70 Prozent der großen und mittelständischen Unternehmen Composability – das heißt die modulare Zusammensetzbarkeit von Systemarchitekturen – als zentrales Evaluationskriterium für neue Anwendungsarchitekturen definiert.

Die Ergebnisse der vierten jährlichen MACH Alliance Global Research (2024) substantiieren diesen Trend: IT-Entscheidungsträger weltweit berichten von einer wachsenden Akzeptanz auf Führungsebene für MACH-Strategien sowie von einem messbaren Return on Investment.

Drei Architekturprinzipien für skalierbare E-Commerce-Plattformen

Microservices: Kleine Einheiten, große Wirkung

Microservices dekonstruieren eine Anwendung in eigenständige, lose gekoppelte Dienste. Jeder Service – ob Produktkatalog, Warenkorblogik, Zahlungsabwicklung oder Bestellmanagement – kann unabhängig entwickelt, getestet und skaliert werden.

Als praxisrelevantes Fallbeispiel ist OTTO anzuführen: Der Hamburger E-Commerce-Konzern vollzog ab 2018 den strukturellen Wandel vom reinen E-Commerce-Anbieter zur offenen Plattform. OTTO reorganisierte seine Technologieorganisation in autonome Feature-Teams (F-Teams) sowie zentrale Platform-Teams (P-Teams). Die Microservices der F-Teams operierten zunächst auf einer selbst betriebenen MESOS-Plattform, bevor das Unternehmen eine Migration auf AWS realisierte – mit dedizierten Konten pro Team, um ein Höchstmaß an organisatorischer Autonomie zu gewährleisten.

Zur Verarbeitung und Distribution von Produktdaten neuer Vertriebspartner implementierte OTTO Apache Kafka und Confluent für Echtzeit-Datenstreaming. Das Resultat: Anstelle individueller Implementierungen für jeden einzelnen Partner etablierte das Unternehmen ein standardisiertes Protokoll, das die Skalierungsgeschwindigkeit erheblich beschleunigte.

API-first: Integration als strategischer Vorteil

Ein API-first-Ansatz (Application Programming Interface) definiert, dass sämtliche Funktionalitäten der Plattform über standardisierte Schnittstellen adressierbar sind. Dies ermöglicht im Einzelnen:

• Die nahtlose Integration von Drittsystemen (ERP, CRM, PIM, Zahlungsanbieter)
• Omnichannel-Fähigkeit über Web, App, Social Commerce und den stationären Handel hinweg
• Eine beschleunigte Partneranbindung, da externe Entwickler auf Basis dokumentierter APIs operieren können

Für wachstumsorientierte Unternehmen kommt diesem Ansatz eine strategische Bedeutung zu: Eine adäquat konzipierte Plattform vereinfacht nicht allein den Markteintritt, sondern konstituiert zugleich das architektonische Fundament für nachhaltiges Unternehmenswachstum.

Headless Commerce: Frontend und Backend entkoppeln

Bei einer Headless-Architektur wird die Präsentationsschicht (Frontend) vollständig von der Backend-Logik entkoppelt. Unternehmen sind dadurch in der Lage, für jeden Distributionskanal – ob Website, mobile Applikation, Sprachassistent oder IoT-Gerät – maßgeschneiderte Nutzererlebnisse zu gestalten, ohne Modifikationen an der zugrunde liegenden Backend-Logik vornehmen zu müssen.

Als illustratives Praxisbeispiel ist Pet Valu anzuführen: Das kanadische Einzelhandelsunternehmen für Haustierbedarf migrierte von einer monolithischen Plattform zu einem Composable-Commerce-Modell. Im Zuge dieser Transformation gelang es Pet Valu, einen neuen Steuer-Service innerhalb von lediglich zwei Sprints – entsprechend einem Zeitraum von vier Wochen – neu aufzusetzen und zu deployen. Die Time-to-Market wurde in der Konsequenz um 40 Prozent reduziert.

Der Business Case: Warum sich modulare Architektur rechnet

Die Investition in eine skalierbare E-Commerce-Architektur ist nicht als isoliertes IT-Vorhaben zu klassifizieren, sondern konstituiert eine strategische Unternehmensentscheidung. Der Composable-Commerce-Ansatz eröffnet die Möglichkeit zur inkrementellen Innovation – überschaubare Investitionen generieren kurzfristig messbare Resultate und beschleunigen damit den Return on Investment.

Deployment-Geschwindigkeit
Monolithische Architektur: Wochen bis Monate
Composable/MACH-Architektur: Tage bis Stunden

Skalierung bei Lastspitzen
Monolithische Architektur: Gesamtsystem muss skaliert werden
Composable/MACH-Architektur: Einzelne Services skalieren unabhängig

Vendor Lock-in
Monolithische Architektur: Hoch – ein Anbieter bestimmt das Ökosystem
Composable/MACH-Architektur: Gering – Best-of-Breed-Ansatz

Innovationszyklen
Monolithische Architektur: Langsam, risikoreich
Composable/MACH-Architektur: Schnell, inkrementell

Total Cost of Ownership (langfristig)
Monolithische Architektur: Steigend durch technische Schulden
Composable/MACH-Architektur: Kontrollierbar durch Modularität

Pet Valu eliminierte durch den Wechsel zu Composable Commerce den Vendor Lock-in, senkte die Total Cost of Ownership und schuf eine zentralisierte Datenarchitektur für künftige Personalisierungsmaßnahmen.

Vier Erfolgsfaktoren für die Umsetzung

Die Architekturentscheidung als Angelegenheit der Unternehmensführung zu verankern

Die Wahl der E-Commerce-Architektur ist nicht als technische Detailfrage zu betrachten, sondern stellt eine strategische Weichenstellung von fundamentaler Bedeutung dar. Führungskräfte sind gefordert, ein fundiertes Verständnis dafür zu entwickeln, welche Architektur ihr Geschäftsmodell langfristig trägt. Die MACH Alliance Research 2024 belegt, dass das aktive Commitment der Unternehmensleitung einen wesentlichen Erfolgsfaktor für die Implementierung von MACH-Architekturen darstellt.

Autonome Teams aufbauen

Zalandos Transformation verdeutlicht: Technologische Modularität bedingt zwingend organisatorische Modularität. Das Unternehmen restrukturierte seine Entwicklungsorganisation in über 200 autonome Teams, die eigenverantwortlich über den Einsatz von Technologien entscheiden und ihre Anwendungen eigenständig betreiben. Diese organisatorische Autonomie – in Verbindung mit klar definierter Verantwortlichkeit – avancierte zum zentralen Treiber der unternehmerischen Innovationsgeschwindigkeit.

Inkrementelle Migration als Alternative zur Totalablösung

Eine vollständige Neuentwicklung eines Systems ist mit erheblichen Risiken für den laufenden Betrieb verbunden. Der sogenannte „Strangler Pattern"-Ansatz ermöglicht es, monolithische Systeme schrittweise durch neue, modulare Komponenten zu substituieren – ohne die Kontinuität des laufenden Betriebs zu gefährden. Dieser Ansatz beschleunigt den Return on Investment, da erste Verbesserungen bereits während der Migrationsphase quantifizierbar werden.

Die Datenarchitektur als integralen Bestandteil der Systemkonzeption berücksichtigen

Die Erfahrung von OTTO verdeutlicht: Eine skalierbare Plattform erfordert eine fundiert konzipierte Datenarchitektur. Durch den Einsatz von Apache Kafka als zentraler Streaming-Plattform etablierte OTTO ein standardisiertes Protokoll für die Datenverteilung – und schuf damit die strukturelle Grundlage, um neue Teams und Anwendungsfälle effizient zu integrieren.

Was Entscheider jetzt tun sollten: Fünf Handlungsempfehlungen

Initiierung eines Architektur-Audits
Analysieren Sie systematisch, an welchen Stellen Ihre bestehende Plattform an Skalierungsgrenzen stößt. Identifizieren Sie die signifikantesten technischen Schulden und etablieren Sie eine priorisierte Abbaustrategie.

Bewertung der MACH-Readiness
Evaluieren Sie, welche Komponenten Ihres Systems bereits API-Fähigkeit aufweisen und wo monolithische Abhängigkeiten persistieren. Entwickeln Sie auf dieser Basis eine Roadmap für die schrittweise Migration.

Anpassung der Teamstrukturen
Skalierbare Plattformen setzen autonome, cross-funktionale Teams voraus. Überprüfen Sie kritisch, ob Ihre Organisationsstruktur die angestrebte technische Architektur unterstützt – oder ob sie deren Realisierung strukturell behindert.

Strategische Entscheidung zwischen Eigenentwicklung und Fremdbezug
Nicht jede Systemkomponente erfordert eine proprietäre Entwicklung. Setzen Sie Best-of-Breed-Lösungen dort ein, wo diese einen komparativen Vorteil bieten, und konzentrieren Sie Investitionen in Eigenentwicklung ausschließlich auf genuine Differenzierungsmerkmale.

Definition plattformspezifischer KPIs
Beschränken Sie die Performancemessung nicht auf Umsatz- und Conversion-Kennzahlen, sondern beziehen Sie ebenso die Deployment-Frequenz, die Time-to-Market neuer Funktionalitäten sowie die Systemverfügbarkeit unter Lastspitzen in die Bewertung ein.

Quellen zum Artikel

https://www.fortunebusinessinsights.com/ecommerce-platform-market-111994
https://machalliance.org/insights-hub/mach-global-research-2024
https://machalliance.org/insights-hub/mach-is-making-an-impact
https://cdn.hl.com/pdf/2024/composable-commerce-mach-architecture-q1--2024.pdf
https://kubernetes.io/case-studies/zalando/
https://www.confluent.io/customers/otto/
https://commercetools.com/customer-stories/pet-valu
https://commercetools.com/blog/spotlight-on-business-value-part-2-boosting-your-roi-with-composable-commerce